
Tigerschnegel im Garten angesiedelt
In den letzten Jahren habe ich hier in der Gegend kaum noch Tigerschnegel gesehen. Früher begegneten sie mir regelmäßig, auch am Kellersee, inzwischen scheinen sie zumindest an meinen üblichen Beobachtungsstellen selten geworden zu sein.
Deshalb habe ich nun einen kleinen Versuch gestartet: Sieben Tigerschnegel sind bei uns in den Garten eingezogen. Nicht irgendwohin, sondern in ein ziemlich passendes Habitat: ein feuchtes Holzhäckselbeet mit Pilzen, modrigem Holz, vielen Verstecken und reichlich Schneckenleben. Dort tummeln sich braune, schwarze und graue Nacktschnecken, außerdem Schnirkelschnecken und auch Weinbergschnecken.
Der Tigerschnegel, wissenschaftlich Limax maximus, ist keine gewöhnliche „Salatschnecke“. Er frisst vor allem Pilze, abgestorbenes Pflanzenmaterial, Aas und auch andere Schnecken oder deren Eier. Deshalb gilt er im Garten oft als nützlicher Mitbewohner, nicht als klassischer Schädling. Ganz romantisch ist das natürlich nicht: Wenn er Gelegenheit hat, können auch andere Schneckenarten oder deren Nachwuchs auf seinem Speiseplan landen. Ich hoffe trotzdem, dass sich dadurch vor allem die Gesamtmenge der Nacktschnecken reguliert, ohne dass die Vielfalt im Garten verloren geht.
Besonders spannend finde ich, wie anders diese Tiere wirken, wenn man sie genauer beobachtet. Für Schnecken sind sie erstaunlich schnell unterwegs, sie wirken kräftig, zielstrebig und fast ein bisschen „räuberisch“. Die sieben Tiere sind mit etwa 7 cm Länge vermutlich noch nicht ganz ausgewachsen. Erwachsene Tigerschnegel können deutlich größer werden, oft etwa 10 bis 20 cm. Limax maximus bedeutet sinngemäß „die große Schleimschnecke“ oder „die größte Nacktschnecke“. Bei guten Bedingungen können sie nach ungefähr eineinhalb Jahren geschlechtsreif werden und später Gelege mit etwa 100 bis 200, teils auch mehr, glasigen Eiern ablegen. Ihre Lebenserwartung liegt ungefähr bei zwei bis drei Jahren.
Auch die Fortpflanzung ist außergewöhnlich: Tigerschnegel sind Zwitter, also besitzen beide Paarungspartner männliche und weibliche Geschlechtsorgane. Die Paarung findet oft an senkrechten Flächen statt, wobei die Tiere an einem Schleimfaden hängen. Das gehört zu den spektakulärsten Paarungsritualen unserer heimischen Gartenfauna.
Der Zeitpunkt für den Einzug war jedenfalls ideal: warm, feucht, schauerig und überall Futter. Jetzt bleibt abzuwarten, ob sie das neue Revier annehmen, sich verstecken, überleben und vielleicht im nächsten Jahr dauerhaft Teil des kleinen Gartenökosystems werden.
Ich werde das weiter beobachten. Vielleicht entsteht daraus ein kleines Gleichgewicht: weniger Schneckenmasse insgesamt, aber weiterhin ein lebendiger Garten mit Weinbergschnecken, Schnirkelschnecken, Käfern, Pilzen und allem, was dazugehört.
Noch ein paar spannende Zusatzinfos
Tigerschnegel sind vor allem dämmerungs- und nachtaktiv. Tagsüber verstecken sie sich gern unter Holz, Steinen, in Kompostbereichen, Mauerspalten oder anderen feuchten, kühlen Verstecken. Nach Regen oder bei feuchtwarmem Wetter sieht man sie aber auch tagsüber.
Sie sind keine reine „Waffe gegen Schneckenplagen“. Sie können Nacktschnecken und Schneckeneier fressen, ernähren sich aber sehr vielseitig: Pilze, Flechten, welkes Pflanzenmaterial und organische Reste gehören ebenso dazu. Die Royal Horticultural Society beschreibt den Leopard Slug, also Limax maximus, ebenfalls als Art, die Pilze, Flechten, abgestorbenes Pflanzenmaterial und gelegentlich andere lebende Schnecken frisst.
Schneckenkorn wäre jetzt ungünstig. Es trifft nicht nur die unerwünschten Nacktschnecken, sondern kann auch Tigerschnegel und harmlose Gehäuseschnecken schädigen oder töten. NABU und andere Gartenquellen empfehlen deshalb bei einer gewünschten Ansiedlung, auf Schneckenkorn zu verzichten und stattdessen Verstecke, Feuchtigkeit und naturnahe Strukturen zu fördern.
Bei den Weinbergschnecken würde ich etwas beruhigen: Erwachsene Weinbergschnecken sind durch Größe und Gehäuse keine typische leichte Beute. Gefährdeter wären eher Eier oder sehr junge Schnecken, falls sie gefunden werden. Die größere ökologische Wirkung dürfte eher darin liegen, dass Tigerschnegel Schneckeneier und kleinere Nacktschnecken reduzieren und dadurch die Bestände etwas verschieben.
Noch eine Anmerkung zur Namensgebung „Tigerschnegel“:
Der Name stammt aus einer Zeit, als die Art zu den größten bekannten europäischen Nacktschnecken gehörte. Ganz korrekt ist das heute nicht mehr, denn es gibt andere Arten, die ähnlich groß oder sogar größer werden können. Trotzdem kann ein ausgewachsener Tigerschnegel durchaus 15–20 cm Länge erreichen und gehört damit zu den beeindruckendsten heimischen Schnecken.
Der deutsche Name Tigerschnegel bezieht sich auf das charakteristische Muster aus dunklen Flecken und Streifen auf dem hellen Körper, das an das Fell eines Tigers erinnert, was in meinen Augen meist nicht zutrifft. Aber warscheinlich war dem Volksmund der Leopard nicht so geläufig.
Interessant ist auch der Artname in anderen Sprachen:
- Englisch: Leopard Slug („Leopardschnecke“)
- Französisch: „Limace léopard“ („Leoparden-Nacktschnecke“)
- Niederländisch: „Tijgerslak“ („Tigerschnecke“)
Die Engländer sahen also eher einen Leoparden, die Deutschen und Niederländer eher einen Tiger. Bei den San ist diese Schnecke sogar unbenannt. Beide Namen beziehen sich auf dieselbe auffällige Zeichnung.